24.09.2019

Kurzurlaub in der Altstadt

Vom Burnout zur Balance

Die gelernte Industrieelektonikerin Tanja Graf kam auf Umwegen zu ihrem Traumjob. Zwar wollte die Ambergerin bereits zu Schulzeiten Masseurin werden, doch ihre Karriere startete zunächst bei Siemens. 

Graf war ambitioniert, konnte gut im Team arbeiten und erledigte gerne Aufgaben, vor denen andere sich scheuten. Nach einem Wechsel zu Grammer, einigen Zwischenjobs und einer Rückkehr zu Siemens hatte sie verschiedene Erfahrungen im Telefonmarketing, im Vertrieb und im Service gesammelt. Ihre beruflichen Aussichten sahen rosig aus, doch 2015 kam der Schock: Burnout. 

 

Wenn Arbeit keine Arbeit mehr ist

Graf nutzte die berufliche Pause zur Reflexion. "Wenn ich noch einmal auf die Welt kommen könnte", dachte sie sich "dann würde ich Masseurin werden." Kurz darauf schenkte Grafs Ehemann ihr eine Ausbildung zur Wellnesstherapeutin und plötzlich war ihr Traum zum Greifen nahe. Die Ausbildung am Tegernsee eröffnete ihr eine völlig neue Arbeitswelt. "Wir sind von früh bis spät in Trainingsklamotten durch die Gegend gelaufen. Alles war so viel entspannter als mein üblicher Büroalltag und doch war es Arbeit", erinnert sich Graf. An einem Tag lernte sie neue Techniken zur Aromaölmassage und am anderen Hot Stone. Jemandem ein paar Momente der absoluten Ruhe schenken zu können entspannte Graf auch selbst. 

 

Selbstverwirklichung in Teilzeit

Die frischgebackene Wellnesstherapeutin reduzierte ihren Job bei Siemens auf eine Teilzeitanstellung und startete im Nebenerwerb in die Selbstständigkeit. Der tägliche Wechsel zwischen Büro und Wellnesssalon stellte sich für Graf als eine ideale Balance heraus. "Ich liebe es, geistig gefordert zu sein und ich schätze die Sicherheit einer Festanstellung, aber nach einem Vormittag mit Excel macht der Ausgleich mit meinen Kunden den entscheidenden Unterschied. Bei meinen Massagesitzungen gebe ich den Takt vor und bestimme, wann es zwischen den Terminen hektischer und wann ruhiger ist." Schon bald eröffnete Graf ihren eigenen Wellnesssalon "Auszeit... für Körper, Geist und Seele" in der Ziegelgasse und seit sie Ende 2018 beim bayerischen Zentrum für Medienkompetenz in der Frühpädagogik auch vormittags in der Amberger Innenstadt arbeitet, ist der flexible Wechsel zwischen beiden Tätigkeiten ein Klacks.

 

Maniküre mit Hardrock

Bei ihrer Arbeit im Wellnesssalon lernt Graf täglich dazu. Zum Beispiel stellte sie früh fest, dass ein Therapeut nicht nur ein Gespür für den individuellen Härtegrad der Massage braucht, sondern auch dass der persönliche Austausch eine entscheidende Rolle spielt.  "Entspannen heißt nicht immer nur körperlich loslassen", weiß Graf heute "manchmal bin ich auch ein Stück weit Seelenklempnerin." Zu ihrer Überraschung wollen ihre männlichen Kunden viel häufiger während einer Massage plaudern als die weiblichen. Dass jeder auf seine eigene Art zur Ruhe kommt, stellte Graf kürzlich auch bei einer Maniküre fest, bei der ihr Kunde Hardrockmusik auflegen ließ. 

 

Kleinigkeiten mit großer Wirkung

Immer mehr Frauen und Männer besuchen Grafs Salon inzwischen regelmäßig. Sie leiden aufgrund einer ständigen monotonen Haltung am Arbeitsplatz vor allem unter Verspannungen im Rücken und Nackenbereich. "Wer sich nicht regelmäßig eine Auszeit gönnt verliert ein großes Stück Lebensqualität", berichtet Graf ihnen dann aus eigener Erfahrung. Dabei muss es nicht immer gleich eine Massage sein. Zum Beispiel solle man abends öfter mal den Fernseher ausgeschalten lassen und wenigstens zehn Minuten rein gar nichts tun. Graf hat solche kleinen Ruhephasen nach und nach auch in ihren Alltag integriert und fühlt sich heute deutlich ausgeglichener und zufriedener. Diese Balance möchte sie auch ihren Kunden weitergeben.